1.28M

MG_Gulag_Praesentation (1)

1.

Musik als Mittel der Umerziehung
im sowjetischen Gulag
1920er–1930er Jahre
SE Musik und Gewalt, SoSe 26

2.

I
Thema und Quellen

3.

Quellen & Quellenlage
Inna Klause – »Music and Re-Education in the Soviet Gulag«, Torture 23/1 (2013)
Waczkat / Klause / Weiss (Hgg.) – Komponisten im Gulag der Stalinzeit, Georg Olms 2024
Memorial 2021 aufgelöst
Russische Archive seit 2021 teils nicht verfügbar
Klauses Befunde nicht mehr unabhängig überprüfbar

4.

II
Was ist der Gulag?

5.

Was ist der Gulag?
Главное управление лагерей – Hauptverwaltung der Lager
Frühe 1920er Jahre bis 1960
Ca. 18–20 Millionen Durchgangene
Kriminelle, politische Gefangene, Kriegsgefangene, deportierte Völker

6.

III
Ideologie der Umerziehung

7.

Ideologie der Umerziehung
Strafvollzugskodex RSFSR 1924
»Hebung des intellektuellen Niveaus der Gefangenen«
Mittel: körperliche Arbeit + kulturell-erzieherische Arbeit
Bibliotheken, Klubs, Musik-, Theater-, Sportkreise
1926: 820 Theaterkreise | 520 Musik- und Gesangskreise
Perekovka (»Umschmiedung«) – Kernbegriff der Lagerpropaganda
Verbunden mit Kollektivierung, Industrialisierung, Kanalbau

8.

Perekovka – Liederheft als Propagandainstrument
Musikal’naja biblioteka Perekovki
3 Kanalarmejskich Pesni
Lieder als Teil der Umerziehungsideologie
Produktion und Verbreitung staatlich organisiert

9.

IV
Grauzone: Musik zwischen Trost und Gewalt

10.

Klauses These & Kritik
Großer Teil der Ego-Dokumente: Musik als positiv und bedeutsam
Psychisches und körperliches Überleben
Nichts davon war freiwillig
Klause: Begriff »Grauzone« – Musik als mehrdeutig
These nicht systematisch belegt
NS-Vergleich ohne weitere Quellenbasis und Methoden

11.

Zitat: Boris Shirjaew (Solowezki-Inseln, 1920er Jahre)

Musik habe den Gefangenen das Recht zurückgegeben, sich als Menschen
wahrzunehmen und sich innerlich frei zu fühlen.
— Boris Shirjaew, Erinnerungen

12.

Zitat: E. Filipchenko, Lager Cholmogory, Brief 1921

»Die Wärter achteten darauf, dass alle die Internationale sangen und wenigstens
ungefähr die Noten trafen; andernfalls drohten sie uns mit dem Karzer. Der Appell
dauerte über dreißig Minuten, und an kalten Herbstabenden erkrankten deshalb
viele Menschen.«
— Brief an das Moskauer Politische Rote Kreuz, 1921

13.

Weitere Beispiele
Solowezki: Blasorchester beim Absägen von Friedhofskreuzen
Häftlinge zu Akkordeonklängen geschlagen

14.

V
Musikpraxis ab 1930

15.

Institutionen & Aufgaben
Institutionelle Struktur
Aufgaben
KWO (Kulturell-Erzieherische Abteilung)
Appell & Arbeitsbegleitung
Direkt der Lagerverwaltung unterstellt
Tagesbefehle regelten Musikeinsatz
Agitation in leistungsschwachen
Abschnitten
Erzieher: häufig selbst Gefangener
Konzerte, Theater, »Lebende Zeitungen«
Musiker: keine institutionelle Mitsprache
Propagandistische Außenwirkung

16.

Versorgungshierarchie Dmitlag
Höchste Kategorie: Dirigenten, Blasorchestermusiker
Mittlere Kategorie: Regisseure, Schauspieler, Agitatoren
Niedrigste Kategorie: Pianisten, Sinfoniemusiker, Bibliothekare
Funktional begründet: Blasorchester im Freien einsetzbar | Jan. 1934: 145 Musiker bei 156.000 Gef. | Tagesbefehl: 10-Std.-Dienst

17.

Propagandistische Außenwirkung – Rodschenko, Belbalttlag 1932/33
Staatlicher Auftrag
~4.000 Aufnahmen im Belbalttlag
4 davon zeigen Musiker
»Arbeit mit dem Orchester« – 1935 in Moskau
ausgestellt
Musik als visuelles Propagandainstrument
Foto: Aleksandr Rodtschenko / Archiv der Verwaltung BBK NKWD,
Medweschjegorsk

18.

VI
Komponistenwettbewerb Dmitlag 1936

19.

Komponistenwettbewerb 1936
73 Gefangene, 112 Werke
Jury: Dserschinski, Bely, Kabalewski,
Tschemberdschi
1. Preis: »Marsch der Betonarbeiter«
Offiziell: N. Tsedrik / W. Kalentjew
Tatsächlich: Harmonisierung S. Protopopow – ohne
Nennung und Anerkennung

20.

VI
I
Zusammenfassung

21.

Zusammenfassung
Befunde
Musik institutionell verankert ab 1924
Funktional, nicht künstlerisch definiert
Methodische Grenzen
Ego-Dokumente: nicht alle Perspektiven
vertreten
Grauzone: Trost und Gewalt gleichzeitig
Verwaltungsquellen: selektiv
Perekovka scheitert am eigenen
Widerspruch
NS-Vergleich: keine belastbare
Quellenbasis
Archive seit 2021 teils nicht verfügbar

22.

Diskussionsfragen
1.
Quellenlage und Forschungsethik
Memorial ist aufgelöst, russische Archive teils geschlossen, russischsprachige Wissenschaft steht unter politischem Druck. Welche
methodischen Konsequenzen hat das für die Musikwissenschaft? Wie geht man mit Quellen um, die man nicht selbst lesen kann — und
wie bewertet man Forschungsergebnisse, deren Entstehungsbedingungen politisch determiniert sind?
2.
Umerziehung, Funktion und Aufführungspraxis
Das Perekovka-Repertoire entstand unter Zwang, nach staatlich vorgeschriebenen Kriterien, für einen konkreten institutionellen Zweck.
Wie kategorisiert man es musikwissenschaftlich: als Funktionsmusik, als Propagandamusik, als etwas anderes? In welchen Kontexten wäre
eine heutige Aufführung sinnvoll oder problematisch?
3.
Klauses Vergleich mit NS-Lagern
Klause behauptet, Musik sei im Gulag seltener als direktes Folterinstrument eingesetzt worden als in NS-Konzentrationslagern. Was wären
die methodischen Voraussetzungen für einen solchen Vergleich — und was setzt ein Vergleich zweier Gewaltsysteme überhaupt voraus?

23.

Diskussionsfragen
4.
Nicht-russische Gefangene als Forschungslücke
Gefangene aus Kasachstan, Litauen, Lettland, Weißrussland, Georgien, Armenien, der Ukraine u.a. sind in der Gulag-Musikforschung
kaum vertreten. Ist eine separate, national differenzierte Studie sinnvoll?
5.
Quellenwert von Ego-Dokumenten
Sind Berichte von professionellen Musiker:innen für die Musikwissenschaft anders zu bewerten als die von NichtBerufsmusiker:innen?
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